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Ein schmaler Grat zwischen Erfüllung und Burnout

Die Wichtigkeit eigener Grenzen und Selbstfürsorge in der Begleitung lebensbedrohlich erkrankter Frauen

Autorin:
Ellen Spangenberg
Ärztliche Praxis für Psychotherapie
www.ellen-spangenberg.de

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 40
mit dem Thema: "Frauenspezifische Krebserkrankungen / Lymphsystem"

Mit diesem Artikel möchte ich darlegen, was es für uns professionelle Helferinnen bedeutet, Frauen zu begleiten, die an frauenspezifischen Krebsarten erkrankt sind, welche Gefahren dies für uns beinhaltet und welche tiefen Prozesse möglich sind. Wohl wissend, dass die Grenze zwischen Helferin und Betroffener fließend sein kann, weil wir selbst erkranken oder in unserem Umfeld schwer kranke Menschen haben können, deren Schmerz und deren Verlust uns betreffen.
Zudem bewegen wir uns mit diesem Thema in einem extremen Spannungsfeld, da Brust- oder Gebärmutterkrebs innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft immer auch einen gesellschaftlichen Bezug hat. (So wurde z.B. erst 1997 sexualisierte Gewalt in der Ehe zu einem Straftatbestand erklärt.) Über das Schicksal der einzelnen erkrankten Frau hinaus geht es hier auch um Beschädigung von Weiblichkeit im Allgemeinen, um Schönheitsnormen, um Einschränkungen und Behinderungen (auch im Sinne von behindert werden), um Diskriminierungen und Ausgrenzungen. Im Positiven geht es um Wertschätzung und Achtung für Frauen und ihre Körperlichkeit(en), um Wiederaneignung, um Ressourcen und Potenziale und nicht zuletzt um Überlebenskunst.

Ich bin in meiner (beruflichen) Biografie auf verschiedene Weise mit dem Thema konfrontiert worden. Als Ärztin in einem schulmedizinischen System habe ich so manchen Sterbeprozess miterlebt. Doch auch in diesem von Hektik und Verdrängung geprägten System war und ist es möglich, Momente der Würde zu gestalten, in denen tiefe Begegnung möglich wird. Ich bin dankbar für all diese Momente, da sie mir einen tieferen Zugang zu ungeschminkten, existenziellen Erfahrungen und letztlich zu mir selbst geschenkt haben.
Als Psychotherapeutin bin ich vor allem befasst mit der seelischen Verarbeitung der Krankheits- und Bewältigungserfahrung meiner Klientinnen: mit der Angst zu sterben aufgrund einer bedrohlichen Erkrankung und der Angst zu leben mit einer bedrohlichen Krankheit und auch damit, die Krankheit zu verleugnen, um das Hier und Jetzt angehen zu können.

Psychoneuroimmunologie und Stress-Reaktion
Die recht junge Forschungsrichtung der Psychoneuroimmunologie zeigt die Zusammenhänge auf zwischen Psyche, Nerven- und Immunsystem. Stark verkürzt bedeutet dies: Anhaltender Disstress (ungesunder oder "negativer" Stress) schwächt das Immunsystem über neuronale Signale wie Botenstoffe, Hormone, Synapsenverschaltungen und Bahnungen im Gehirn. Dann kommt es häufiger zu Infekten z.B. Erkältungen. Auch das Tumorwachstum kann indirekt begünstigt werden, weil weniger Abwehrzellen die gefährlichen Tumorzellen erkennen und vernichten können.

Hierbei ist Angst in Verbindung mit Ohnmacht und Hilflosigkeit das am stärksten wirksame Erleben für eine Stress-Reaktion – und zwar sowohl bei der erkrankten Frau als auch bei der Begleiterin, d.h. Angst stört und behindert am stärksten das Gesundbleiben einerseits und den Selbstheilungsprozess andererseits.
Wenn das Ausmaß der Stresserfahrung in "toxische" Bereiche ansteigt und mit erheblichem Erleben von Ohmacht und Auslieferung einhergeht, kann dies gar zu einer psychischen Traumatisierung führen. Insbesondere die Art der Befund- und Diagnosemitteilung, aber auch die Erkrankung selbst und die Behandlung können somit eine Traumafolgestörung nach sich ziehen. Wenn auch die Begleiterin posttraumatische Symptome entwickelt, kann es sich hierbei um eine so genannte sekundäre oder stellvertretende Traumatisierung handeln.
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Die beiden R’s: Ressourcen und Resilienz
Ähnlich wie die betroffenen Frauen selbst sind auch Begleiterinnen in der Gefahr, durch die Wucht der Erkrankung an ihre Grenzen zu kommen. Wie stark sich Belastungen tatsächlich auf uns auswirken, hängt von unserer Vulnerabilität und unserer Resilienz ab.
Vulnerabilität meint die seelische Verwundbarkeit eines Menschen durch Lebens-Ereignisse und Lebens-Belastungen, die auch abhängt von Art und Ausmaß der bisherigen Lebensbelastungen und wie gut diese bewältigt werden konnten.
Resilienz bezeichnet komplementär dazu die seelische Widerstandskraft (resilio: lat. „ich springe zurück“). Resilienz ist neben einer gewissen genetischen Komponente vor allem geprägt durch Vorerfahrungen, v.a. in der Kindheit: wie viel Sicherheit (Wohnen, finanziell, körperlich und seelisch), wie viele gute Bindungserfahrungen, wie viele Belastungen, wie viel Unterstützung in der Bewältigung dieser Belastungen, wie viel Kraft, Gelassenheit und Liebe durch die Bezugspersonen und nicht zuletzt wie viel Sinn ein Mensch finden kann im eigenen Leben, Handeln und Sein.
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Bei diesem Ressourcen-Ansatz ist wichtig, dass es nicht um eine oberflächliche "think-pink"-Variante geht, die das Leid außer Acht lässt und daher zynisch wirken kann. Vielmehr geht es darum, unter Einbeziehung der bedrohlichen Situation das Stress-System herunter zu fahren und Ängste zu reduzieren, Hoffnung und Zuversicht zu stärken, sozialen Rückhalt zu sichern und zu nutzen – und auch hier wieder gleichermaßen für unsere Klientinnen wie für uns selbst.

Die Phasen der Bewältigung
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Aufschrecken
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Nicht wahrhaben wollen
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Zorn und Hadern
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Verhandeln
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Depression / Rückzug
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Annehmen
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Hilfreiche Haltung und Interventionen
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Belastung und Gefährdung der Begleiterinnen
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Im Gleichgewicht bleiben
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Die spirituelle Dimension
Zum Abschluss möchte ich auf spirituelle Aspekte eingehen, die (vorübergehend) durch die Erkrankung außer Kraft gesetzt und gleichzeitig für die Heilung und Bewältigung sehr bedeutsam sein können.
Bereits 1995 wurde durch die WHO das biopsychosoziale Krankheitsmodell ergänzt um eine spirituelle Dimension, indem Lebensqualität auf vier Ebenen definiert wurde: physisch, psychisch, sozial und spirituell. Leider kommt die spirituelle Ebene in vielen medizinischen, aber auch psychotherapeutischen Ansätzen viel zu kurz oder reduziert sich allenfalls auf die großen Religionen. Doch alle Erkrankungen, insbesondere im Angesicht einer Lebensbedrohung betreffen uns ganzheitlich und brauchen daher auch ganzheitliche Antworten. So ist es wichtig, einen Raum für spirituelle und für Sinn-Fragen zu öffnen, ohne diesen jedoch aufzunötigen.
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(Ende der Leseprobe)

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