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Lesbengesundheit

Vom langen Weg lesbischer Frauen zu einer guten Gesundheitsversorgung

Autorin:
Gabriele Dennert, Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 38
mit dem Thema: "Heilpflanzen der Alpen"

Dieser Artikel ordnet lesbische Lebensweisen in den salutogenetischen Ansatz der Gesundheitsförderung ein und geht der Frage nach, wie die Situation lesbischer Frauen in der Gesundheitsversorgung in Deutschland heute aussieht und welche Verbesserungen nötig sind.
Frauen- und Geschlechteransätze etablieren sich zunehmend in den Gesundheitswissenschaften in Deutschland und ihre Ideen beginnen, den medizinischen Mainstream zu erreichen. Insbesondere biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern – wirkliche und vermeintliche – sind es, die die Medizin gegenwärtig interessieren, z.B. wenn Medikamente eine geschlechtsspezifische Wirkung aufweisen.
Soziale Unterschiede zwischen den Geschlechtern und auch innerhalb der höchst inhomogenen Kategorie „Frau“ und deren gesundheitliche Relevanz erfahren zumeist nur untergeordnete Beachtung in der „Gender Medizin“ in Deutschland.
Frauen jedoch leben unter sehr verschiedenen persönlichen und sozialen Umständen und unterscheiden sich voneinander in Lebensweise, gesundheitlichen Faktoren und Gesundheitshandeln. Lesben sind eine Gruppe von Frauen, deren spezifische Belange bisher in der (Frauen-)Gesundheitsforschung und -versorgung in Deutschland kaum thematisiert werden. Dabei ist anzumerken, dass so wie die Gruppe "Frau" inhomogen ist, es eben auch keine homogene Kategorie "Lesbe" gibt.
Als marginalisierte gesellschaftliche Gruppe erfahren lesbische Frauen Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung. Eine breitere Diskussion über Lesbengesundheit erscheint nicht nur deshalb wünschenswert, um ihnen eine qualitativ gute und diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung zugänglich zu machen, sondern auch, weil ein Versorgungssystem, das sich der Frage von Versorgungsgerechtigkeit für alle stellt, letztlich auch für alle eine bessere Medizin bietet.
Heterosexismus macht krank
Zwar wurde Homosexualität als eigenständige psychiatrische Diagnose schon in den 1970er und 1980er Jahren aus den internationalen Klassifikationssystemen der universitären Medizin gestrichen, dennoch ist eine tolerierende oder gar akzeptierende Haltung gegenüber Lesben in der medizinischen Versorgung hierzulande bis heute nicht selbstverständlich.
Verschweigen, Ignorieren und Unsichtbarmachen der Lebensweise dürften die häufigsten Formen der Diskriminierung von Lesben sein (DALEY 1998). Bei allgegenwärtiger Präsenz von heterosexuellen Lebensformen kommen Lesben oftmals nicht vor, wenn z.B. in der Anamnese ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Frauen mit Männern leben und mit Männern sexuell aktiv sind.
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Die grundsätzliche Unterstellung von Heterosexualität hat zur Folge, dass jede lesbische (und auch jede bisexuelle) Frau immer wieder vor der Entscheidung steht, hinzunehmen, dass sie in ihrer Lebensweise nicht wahrgenommen wird, oder aber diesen Irrtum aktiv zu korrigieren und sich damit zusätzlich angreifbar zu machen. Schweigen über die eigene Identität und Lebensweise wird zum Versuch, Informationen zu kontrollieren, um Interaktionen im Gesundheitsbereich sicherer zu gestalten (STEVENS 1994).
Offen auftretende Lesben müssen mit Diskriminierung und der Medikalisierung ihrer Lebensweise rechnen.
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Auch als Partnerinnen oder Patientinnen bzw. Klientinnen erleben lesbische Frauen Diskriminierung in der Gesundheitsversorgung. Laut einer Befragung des Bundesjustizministeriums (BUBA 2001) wurde einem Viertel der Lesben und Schwulen, die schon einmal in dieser Situation waren, der Status als nächste Angehörige ihrer Partner/innen verwehrt, d.h. sie erhielten z.B. keine Auskünfte oder kein Besuchsrecht auf der Intensivstation. Dies wäre ihnen vermutlich nicht passiert, hätten sie sich als Geschwister statt als Partner/in im Krankenhaus vorgestellt.
In einer von mir durchgeführten Befragung von 578 Lesben gaben über 20% der Lesben an, schon einmal Diskriminierung im medizinischen Bereich erlebt zu haben (DENNERT 2005). Am häufigsten berichteten sie davon, dass ihnen trotz Outings Hetero- oder Asexualität unterstellt wurde oder sie abwertend behandelt wurden. Teilweise wurde ihnen empfohlen, ihre sexuelle Orientierung durch eine Therapie zu ändern. Einige Frauen berichteten auch von körperlichen und sexuellen Übergriffen.
Heterosexismus und Lesbenfeindlichkeit in der Gesundheitsversorgung bleiben nicht ohne Folgen für Lesben.
So erhalten Lesben häufig nur unzureichende Informationen bei spezifischen Fragestellungen, z.B. bezüglich der Übertragung von Hepatitis, HIV oder Vaginalpilzen bei sexuellen Kontakten unter Frauen. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass lesbische Frauen Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen vermeiden und es auch im Krankheitsfalle verzögern, sich in medizinische Behandlung zu begeben (vgl. Literaturübersicht in DENNERT 2005 und WOLF 2004).
Fehlannahmen über lesbische Lebensweisen führen zu Behandlungsempfehlungen mit möglicherweise schlimmen Folgen:
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Fazit
Es ist wichtig, nicht nur Weiterbildungen für die verschiedenen Berufsgruppen in der Gesundheitsversorgung anzubieten und zu besuchen, sondern bereits Ausbildung und Studium hierfür zu nutzen. In vielen Bereichen besteht zudem dringender Bedarf an Forschung zu lesbenspezifischen Fragestellungen.
"Auf der Grundlage dessen, was wir zu verstehen beginnen über die Auswirkungen von sexueller Orientierung auf Gesundheit und Wohlbefinden und über die individuellen und gesellschaftlichen Nachteile von Diskriminierung und gesellschaftlichem Ausschluss, wird es zunehmend klar, dass Personen jeglicher Sexualitäten von Neuerungen in Forschung und Gesundheitsversorgung profitieren werden. Weit weg davon, eine "besondere Behandlung" zu benötigen, teilen lesbische, schwule und bisexuelle Klient/innen grundlegende menschliche Bedürfnisse, denen in geeigneter Weise nachzukommen ist." (WILTON 2000, S. 189, übersetzt von G.D.)

 

(Ende der Leseprobe)

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