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Zeit der Diagnose: Zeit zum ruhigen Planen

Autorin: Dr. med. Friederike M. Perl, DRCOG

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 35
mit dem Thema: "Krebs"

KREBS MACHT ANGST. SCHON DAS WORT ALLEIN SUGGERIERT ETWAS UNHEIMLICHES, NICHT VORHERSAGBARES, NACH-DER-SEITE GEHENDES, ABWEICHENDES, NICHT-STEUERBARES. ES KANN ABER KAUM DIE ANGST VOR DEM TOD SEIN, DIE HIER GRASSIERT, SONST WÄRE DER SEHR VIEL GEFÄHRLICHERE HERZINFARKT VIEL ANGSTBESETZTER ALS KREBS.
 
Es ist wohl vielmehr die Angst vor Verlust der Würde, sei es durch entwürdigende Behandlung oder durch Furcht vor starken Schmerzen, die immer noch mit Krebs assoziiert werden, obwohl heutzutage niemand mehr an Schmerzen zu leiden bräuchte. Die Angst bemächtigt sich jedoch nicht nur der betroffenen Patienten und ihrer Familien. Auch die Ärzteschaft ist vielfach von Angst beeinträchtigt: Sie ist sich der begrenzten Wirksamkeit mancher ihrer therapeutischen Ansätze durchaus bewusst. Die Angst behindert auch bei den Therapeutinnen und Therapeuten klares Denken und rationales Management.
 
Zeit der Diagnose - Zeit der Weichenstellung
Gerade die diagnostische Situation ist weichenstellend für das ganze weitere Ergehen des krebsbetroffenen Menschen und seiner Familie. In dieser Situation ist vor allem ruhiges Nachdenken und sorgfältiges Abwägen der verschiedenen therapeutischen Alternativen und Varianten von größter Bedeutung. Das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung darf gerade in dieser Situation nicht verletzt werden. Und doch wird kaum eine andere Situation in der gesamten Medizin so oft in paternalistischer Weise (auch von Ärztinnen!) missbraucht, da ärztlicherseits irrtümlich geglaubt wird, man wisse, was jetzt das Beste sei für die erkrankte Person, und dass die Entscheidungsverantwortung bei den Ärzten liege.
 
Das therapeutische Spektrum erkennen
Häufig meint die betroffene Person, eine Krebsdiagnose bedeute den unausweichlichen Ablauf eines nicht mehr steuerbaren Prozesses. Tatsache ist jedoch, dass es immer (ich betone: immer) mehrere therapeutische Alternativen des Vorgehens im Einzelfall gibt, jede mit unterschiedlichen potentiellen Vor- und Nachteilen, mit unterschiedlichen Chancen und Risiken. Was aus wissenschaftlicher Sicht über diese Chancen und Risiken bekannt ist, sind statistische Aussagen, nicht etwa Vorhersagen über das künftige Ergehen im Einzelfall. Ob ein Patient ein statistisches Risiko einer Maßnahme erleiden wird oder nicht, ist eine nicht zu beantwortende Frage. Die wichtigste Frage lautet immer: Welchen Vorteil bringt diese Maßnahme gegenüber dem Nichts-Tun, und dann natürlich: Welches Ziel soll erreicht werden?
 
Informationsverantwortung ist nicht Entscheidungsverantwortung
Aus dieser Problematik ergibt sich, dass es nicht in der Entscheidungskompetenz des Arztes, der Ärztin liegen kann, zu bestimmen, welchen Risiken eine Patientin ausgesetzt werden soll. Diese Entscheidung kann nur die betroffene Person selbst treffen. Die Patientin muss in die Lage versetzt werden, die verschiedenen Alternativen zu verstehen, und zwar in Bezug auf die unterschiedlichen therapeutischen Ziele, die erreicht werden sollen.
(...)

 

(Ende der Leseprobe)

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