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Zeit und Entfremdung

Autorin: Rafaela Schmakowski

Leseprobe aus der Sonderausgabe der Lachesis-Zeitschrift
mit dem Thema: "Entfremdung"

Die Zeit ist eine menschliche Erfindung. Sie wird mit Kalendern und Uhren gehandhabt und beruht auf den Konventionen der jeweiligen Zeitberechnungen, mit ihren kulturellen Unterschieden natürlich und auch von jeweils unterschiedlich langer Dauer, je nach Herrschaft. Die Lektüre von Zeitrechnungen und Kalendersystemen ist recht aufschlussreich. Je nach Konvention werden die jeweilig festgelegten Zeiteinheiten schließlich als objektives Zeitmaß empfunden. Im Ursprung jedoch wurde die Zeit nach dem Wandel der Gestirne am Himmel gemessen, nach den Zyklen von Mond und Sonne und später wurde sie dann mit Kalendern und Kalenderreformen genau davon befreit. Eine Woche kann fünf, sieben, zehn oder vierzehn Tage dauern, ein Monat kann unterschiedlich viele Tage lang sein und das Jahr kann im Frühjahr oder im Herbst beginnen, im November oder Anfang Januar,
Punkt Mitternacht, wie bei uns.

... eine lineare Zeitrechnung benötigt einen Anfang
Unsere heutige (westliche) Zeitrechnung richtet sich nach der Sonne und ist linear. Sie hat einen zurückdatierten Anfang. Lineare Zeitrechnung benötigt einen Anfang. Sie beginnt mit der vermuteten Geburt Christi im Jahre Null und basiert auf der christlichen Konvention römisch-katholischer Prägung, deren Kalender als der “Gregorianische” in die Historie eingegangen ist. Er gründet sich auf assyrisch babylonische, ägyptische und römische Zeitberechnungen, doch in der aktuellen Genauigkeit existiert er erst seit dem 15. Oktober 1582 im Zuge einer Kalenderreform, die von Papst Gregor XIII. eingeführt wurde. An den Berechnungen für das exakte Einfügen eines Schalttages war der polnische Astronom Nikolaus Kopernikus beteiligt. Die Weltzeit (Universal Time, UT), die von 00.00 bis 24.00 Uhr als 24-Stunden-Tag gilt, wurde erst im Jahre 1926 eingeführt. Sie bezieht sich zwar auf den mit 0 Grad definierten Längenmeridian über Greenwich, verläuft jedoch erst ab 180 Grad um 00.00 Uhr mit der Erdrotation in 24 Stunden über die Länder des Globus durch Zeitzonen und auf der Datumsgrenze des Meridians im Zickzack. Ein derartig ausgetüfteltes Zeitsystem gab es vormals nicht. In alten Zeiten wurden in verschiedenen Kulturen unterschiedlichste Zeitrechnungen benutzt, ohne jeglichen Anspruch von Übereinstimmung miteinander. Noch bis heute existieren diverse Zeitrechnungen nebeneinander her. Es gibt Kulturen, die entweder einen Mond- oder einen Sonnenkalender benutzen, Kulturen, deren Zeitsysteme nicht kompatibel sind, die jedoch den “Gregorianischen” als westliche Businesszeit im Rahmen der globalen Marktwirtschaft akzeptiert haben und ihn parallel zu ihren jeweils eigenen Zeitrechnungen mitbenutzen.

... der himmlische Tanz von Sonne, Mond und Sternen
Unser Sonnenkalender beruht auf den Berechnungen assyrischer Mathematiker und Astronomen. Ihre damals neue Sonnenzeit richtete sich gegen die alte Mondzeit. Diese Art von Zeit wurde erfunden, sie wurde erzwungen, sie wurde eingesetzt, abgesetzt und wieder eingesetzt, sie wurde genutzt und benutzt, sie wurde verehrt und vergöttlicht, sie wurde Gottes Zeit und durfte nicht gestohlen werden, sie wurde Geld und durfte nicht verschwendet werden und die Zeit, einstmals unendlich, wurde nun knapp und sehr schnell. Historisch umranken die Zeit tausend Geschichten, Mythen, Märchen, Sagen, jedoch im Ursprung beruht sie auf den astronomischen Phänomenen des kosmischen Raums. Die Wurzeln der Zeit, poetisch ausgedrückt, sind der himmlische Tanz von Sonne, Mond und Sternen ohne Anfang und Ende, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die zyklischen Bewegungen der stets sich verändernden, immer wieder neu sich verknüpfenden Bezugs- und Schnittpunkte der Gestirne erschafft uns eine Zeit auf Erden, die nur dann existiert, wenn sie wahrgenommen und genutzt wird, so, wie sie von unserem geozentrischen Standpunkt aus errechnet werden kann. Andernfalls ist Zeit eigentlich nichts, nichts als verwehender Staub im unendlich erscheinenden All. Die so sehr verehrte Zeit bedarf der menschlichen Aufmerksamkeit in keiner Weise, sie existierte im himmlischen Lauf von Sonne, Mond und Sternen sehr lange vor der Erde, lange vor den Menschen und sie wird, nach astrophysikalischen Berechnungen, noch sehr lange nach uns existieren, entstehen und vergehen.

... ihre Himmelsbewegungen nachgeahmt, beschworen, angebetet
Die thematische Verknüpfung von Zeit und Entfremdung hat einen brisanten politischen Aspekt. Zeit oder Entfremdung müsste es eigentlich heißen, da die Zeit im Ursprung erst durch Verbindungen und Beziehungen entstehen kann. Ohne die Begegnungen der Gestirne mit ihren Überschneidungen, Verknüpfungen und Schnittpunkten gäbe es ja keinen Raum und deshalb auch keine Zeit. Also dürfte die Zeit gar nichts mit Entfremdung zu tun haben. Hat sie aber. Als es noch eine direkte Beziehung von den Menschen zu den fernen Gestirnen gab, wurden diese sehr verehrt. Die Gestirne wurden als die Leben spendenden Kräfte erkannt und demzufolge vergöttlicht und mit ihnen die Zeit, die erst durch sie entstehen kann. Und so wurde die Zeit geheiligt. Der Mond, die Sonne, die Wandelsterne (die wir heute Planeten nennen) und die ewig erscheinenden Fixsterne gaben der Zeit die Ehre. Mond und Sonne (von der Erde aus betrachtet!) ziehen im Monat und einmal im Sonnenjahr durch die Sternbilder des Zodiakus und ordnen dabei den Menschen eine berechenbare Zeit, erschaffen damit ein kulturelles Leben. In den Monatsnamen Januar (Janus), Juni (Juno), in den Wochentagen Freitag (Venus/Freya), Sonntag (Sonne) und Montag (Mond) klingt diese Verehrung noch immer nach. Den Göttinnen und Göttern am und im Himmel wurde kunstvoll gehuldigt. Mit Tanz, Gesang, Wort, Schrift, Ornament und Symbol wurden ihre Himmelsbewegungen nachgeahmt, beschworen, angebetet, nachgespielt, nachgetanzt, sie wurden versinnbildlicht und genau das tun wir eigentlich noch immer. Unser Leben lang, von Kindesbeinen an, beschwören wir im Ringelrein, in Reigen, Tänzen und Liedern, in Singspielen und Schauspielen, in Geschichten und Gedichten vom Frühjahr bis zum Winter das Spiel der Zeit, und das nennen wir dann Kultur.
(...)

(Ende der Leseprobe)

 

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