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Afghanische Frauen leben mit ihren Schmerzen

Autorin: Maria Zemp, Bad Münstereifel
Heilpraktikerin, Körperpsychotherapie (EABP),
Qualifizierungs - und Beratungstrainings für Institutionen
und Gruppen im In- und Ausland

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 34
zum Thema "Schmerz"

Asien ist ein lebender Körper,
und Afghanistan ist sein Herz.
Versagt das Herz, so stirbt auch der Körper.
Doch solange das Herz frei ist, bleibt auch der Körper frei.
Wenn nicht, wird er zu einem Blatt im Wind.
Muhammad Iqbal.
 
Seit November 2002 bin ich siebenmal für jeweils 3 - 4 Wochen im Auftrag der Kölner Frauenhilfs- und Menschenrechts-Organisation medica mondiale in Kabul gewesen, zwei weitere Arbeitseinheiten sind im nächsten Jahr geplant. Während diesen Kurzzeiteinsätzen unterrichte ich eine Gruppe afghanischer Hebammen, Mitarbeiterinnen von den Frauenschutzhäusern und Gesundheitsberaterinnen von Care, die in Kooperation mit den afghanischen medica Mitarbeiterinnen, in den Bezirken von Kabul, Unterstützungsgruppen für Witwen anleiten. Diese Tätigkeit ist integriert in ein mehrjähriges multidisziplinäres Qualifizierungsprogramm für Kabuler Fachfrauen. Medica mondiale will damit geeignete Frauen in ihrer Beratungskompetenz fortbilden, die auch Frauenbewusstsein und eine psychosomatische und traumasensitive Herangehensweise integriert.

Eigene Beobachtungen, wie Frauen mit ihren vielfältigen Schmerzen umgehen, kann ich bei den Hausbesuchen mit den Hebammen machen, bei den Trainings mit den Mitarbeiterinnen der Schutzhäuser oder bei Fallsupervisionen mit den medica Mitarbeiterinnen. In den sehr praxisorientierten Trainings bekomme ich von den Teilnehmerinnen sehr viele Informationen über die gesundheitliche Situation afghanischer Frauen.

Die Entstehung von Schmerz, Schmerzempfinden und die Äußerung von Schmerzen kann nur verstanden werden, wenn sie im Umfeld, indem sie stattfinden, gesehen werden. Anhand der Erfahrungen aus den Trainings mit den Hebammen - meiner Hauptaufgabe - versuche ich im ersten Teil des Artikels Einblicke in die Alltagserfahrung afghanischer Frauen zu geben. Konkrete Äußerungen von Schmerz und dem Umgang damit beschreibe ich im zweiten Teil.

Orte der Beobachtung
Die Trainings
Bei jedem Einsatz treffe ich dieselbe Gruppe von 40 afghanischen Hebammen, die seit mehr als 20 Jahren von Terre des Hommes finanziert als "Haushebammen" arbeiten.
Ich unterrichte ihnen Grundlagenwissen über Traumatisierung und die psychischen und psychosomatischen Folgen. Das Ziel ist, diese Gruppe Hebammen bis im Sommer 2006 so weit trainiert zu haben, dass sie neben ihrem Hebammenhandwerk fähig sind, ihre Klientinnen auch als Beraterinnen (basic counsellor) zu begleiten. In den Trainings lernen sie die Gestaltung eines Beratungssettings, die Erarbeitung eines Beratungszieles und Methoden, wie sie dieses Ziel mit den betroffenen Frauen schrittweise erreichen können (case managment). Zu den unterrichteten Methoden gehört ein Kommunikationsmodell, das die zu erwartenden schmerzhaften Erinnerungen (Überflutung und flash backs) berücksichtigt.

Bei den Frauen zu Hause
Die Hausbesuche sind eine unentgeltliche Dienstleistung, die von vielen Schwangeren in den verschiedenen Bezirken in und um Kabul in Anspruch genommen wird.
Ich habe die einmalige Gelegenheit, die Hebammen während ihrer Hausbesuche zu begleiten. Damit ermöglichen sie mir den ungefilterten Kontakt zu afghanischen Frauen und ihrer Lebensrealität.
Ich kann einen Eindruck gewinnen, mit welcher Problemlage die Hebammen täglich arbeiten müssen. Ich sehe, welche psychologischen Unterstützungsmassnahmen die meist von häuslicher Gewalt und Traumatisierungen durch die Kriege betroffenen Frauen brauchen, und welche Angebote umsetzbar sind. Dieses Vorgehen macht es mir möglich, dass ich die Trainingsinhalte sehr praxisorientiert gestalten kann, und die Teilnehmerinnen diese oft anhand von Fallbespielen direkt nachvollziehen können.
Bei jedem Aufenthalt sehe ich, ob und wie die Hebammen das Gelernte in die Praxis umsetzen. Diese Methode (Training on the Job) hat den großen Vorteil, dass ich ein prozessorientiertes Lernprogramm genau zugeschnitten für diese Hebammengruppe entwickeln kann. Von mir fordert diese Arbeitsweise viel Flexibilität und Kreativität auf der einen Seite, auf der anderen Seite ist viel Klarheit und Aufmerksamkeit notwendig, um das Ausbildungsziel verwirklichen zu können.

Einblicke in die Geburtssituation
Ich sehe hauptsächlich schwangere Frauen oder Wöchnerinnen. Wie Frauen gebären, habe ich bis jetzt nicht selber beobachten können. Aus Berichten weiß ich, dass viele Frauen ohne Hebammen gebären, die meisten zu Hause, und nur wenn der Mann sein Einverständnis gibt, dürfen die Frauen im Krankenhaus gebären. Die Kindersterblichkeit in Afghanistan ist mit 25% derzeit weltweit die höchste. Das liegt selbstverständlich nicht allein in der ungenügenden Versorgung der Gebärenden, weitere Ursachen dafür sind Mangel- und Fehlernährung.
Bei einer Frau, die ich besucht habe, hatten die Hebammen eine Placenta Praevia festgestellt, eine lebensbedrohliche Situation für Mutter und Kind. Der erwachsene Sohn der Gebärenden verbot ihr, das Kind im Krankenhaus zu gebären. Erst nach acht Stunden gelang es den Hebammen, sein Einverständnis zu bekommen, die Frau konnte ihr achtes Kind sicher zur Welt bringen. Die Exilafghanischen Ärztinnen (Doctorane Omid-Projekt), die im Auftrag von medica mondiale seit 2002 in Kabul in den Krankenhäusern Kurzzeiteinsätze2 machen, berichten von Gebärenden die gestorben sind, weil der Ehemann die Einwilligung in eine Kaiserschnittoperation verweigert hat (...).

(Ende der Leseprobe)

 

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