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Macht Schmerz Sinn

Autorin: Jutta Becker, Stuttgart
Körperpsychotherapeutin und Heilpraktikerin

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 34
zum Thema "Schmerz"

SCHMERZ ERFÄHRT JEDER MENSCH. DIE INDIVIDUELLEN SCHMERZERFAHRUNGEN HINTERLASSEN IM GEHIRN EINE "INSCHRIFT", UND DIESE NEURONALEN ENGRAMME KÖNNEN SEHR BESTIMMEND FÜR DAS WEITERE LEBEN SEIN. DOCH DIE GUTE BOTSCHAFT IST: JEDERZEIT SIND TIEFGREIFENDE WANDLUNGEN MÖGLICH. MACHT DER MENSCH NEUE ERFAHRUNGEN IN SEINER LEIBWAHRNEHMUNG, POSITIVE ERFAHRUNGEN, WERDEN AUCH DIESE IM KÖRPERGEDÄCHTNIS NIEDERGESCHRIEBEN. DER WEG ZUR VERÄNDERUNG IST FREI.

Die integrale leibarbeit, eine körperorientierte Psychotherapie, unterstützt Menschen bei dieser Wandlung. Indem sie die Wahrnehmung des Leibes bewusst macht, setzt sie Impulse für eine neue Inschrift im Gehirn. "Leib" meint in diesem Kontext immer die Gesamtheit von Körper und Seele. (Näheres zur integralen leibarbeit siehe nebenstehender Kasten)

Schmerz- und leidvolle Erfahrungen gehören genauso zum Menschsein wie Freude, Glück, Wohlgefühl oder höchste Wonne. Ob Schmerz eher seelischer oder körperlicher Natur ist, er ist immer eine Leibwahrnehmung, umfasst immer die Gesamtheit unseres Menschseins. Oft ist Schmerz eine Art Sklavensprache des Körpers: "Mir fehlt etwas." Schaut die Betroffene nicht weg, sondern genauer hin, kann sie alten Schmerz in sich erlösen. Das führt zu innerem Wachstum. Dass unsere gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen fürs Wahrnehmen der Empfindungen von Körper und Seele jedoch nicht die besten sind, beschreibt die italienische Hebamme Verena Schmid in ihrem Buch "Der Geburtsschmerz" sehr plastisch:
"Die Industriegesellschaften geben einen konzentrierten Lebensrhythmus vor, der auf Produktion ausgerichtet ist. Darin ist kein Raum vorgesehen für die irrationalen Aspekte des Lebens, für einen individuellen Rhythmus in Einklang mit den Zyklen der Natur. Zeit hat einen wirtschaftlichen Wert und ist somit zielgerichtet. Alle Lebensprozesse sollen linear verlaufen und haben ein einziges Ziel: ständiges Wohlbefinden, ohne Höhepunkt und ohne Tiefpunkte. Es gibt in diesem Lebenskonzept weder Raum noch Verständnis für Schmerz. Die einzig anerkannten Anstrengungen sind wirtschaftlicher Art. Die Möglichkeit des Todes erschreckt und wird mit falschen Versprechungen von falschen Sicherheiten verdrängt. So wird auch der Schmerz linienförmig, verliert seinen Rhythmus und wird chronisch. Das Verständnis für das Leiden, für seine polarisierende Funktion im Rhythmus des Lebens geht verloren, genauso wie die Möglichkeit, den Schmerz auszudrücken und zu durchleben."
Vor diesem Hintergrund ist sowohl das Erkennen als auch das "Hochübersetzen" von Leibwahrnehmung ins Verbale eine Kunst für sich. Dies zu können, bedarf es vieler günstiger Voraussetzungen. Im idealen Fall spiegelt die Mutter oder der Vater die Befindlichkeit eines Kindes und sagt zum schmerzlichen Gesichtsausdruck etwas wie "Was hat mein Kind für einen Schmerz?", "Was tut dir weh?" Wenn sich das Kind durch Gestik, Mimik, Tonfall verstanden fühlt, dann kann es diese Worte zu seinem Erleben zuordnen. Dann kann es dieses später auch verbal benennen. Dies erweitert sein Repertoire sich auszudrücken, sich sowohl Mitgefühl schenken zu lassen, als auch selbst Mitgefühl zu schenken.

Ein Beispiel aus der deutschen Dichtung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt, welche Möglichkeiten sich durch Verbalisierung von Schmerz eröffnen können. Heinrich Heine fasste seinen Liebeskummer in folgende Worte:

Und wüßten's die Blumen, die kleinen,
Wie tief verwundet mein Herz,
Sie würden mit mir weinen zu heilen meinen Schmerz.

Und wüßten's die Nachtigallen
Wie ich so traurig und krank,
Sie ließen fröhlich erschallen
Erquickenden Gesang.

Und wüßten sie mein Wehe,
Die goldenen Sternelein,
Sie kämen aus ihrer Höhe,
Und sprächen Trost mir ein.

Sie alle könnens nicht wissen,
Nur eine kennt meinen Schmerz:
Sie hat ja selbst zerrissen,
Zerissen mir das Herz.

Heine spricht vom tief verwundeten Herz, er fühlt sich traurig, krank, er spricht von seinem Weh, seinem Schmerz und davon, dass sein Herz zerrissen sei. Indem er diesen Schmerz so intensiv beschreibt, ist er schon auf dem ersten Schritt zur Heilung.
Solche verinnerlichten Interaktionsmuster, die abrufbar sind und uns Menschen helfen, unsere Befindlichkeit und unser Verhalten zu steuern, nennt die neue Säuglingsforschung (Stern) "Repräsentation einer Interaktion, die generalisiert ist" (RIG).
Bei Heine, das legen seine Worte und mit Worten beschriebene Bilder nahe, gibt es generalisierte Repräsentationen von mitfühlenden Interaktionen. Die ganze Natur nimmt potentiell Anteil an seinem Schmerz, spendet ihm Trost und Heilung: Die Blumen, die mit ihm weinen, die Nachtigallen, die einen erquickenden Gesang anstimmen, die Sterne, die zu ihm kommen um ihm Trost einzusprechen. Über tröstende RIGs ist ihm das innerlich trostspendende Zusammensein mit einer Gefährtin möglich: mit Mutter Natur in ihren Geschöpfen. Je nach eigenem Zugang zu Natur und Spiritualität fühlt der Mensch um dieses Wissen und findet so Handlungsstrategien um Schmerzliches ausdrücken zu können.

Körperkontakt kann den Schmerz lösen
Um großen, oder wie Heine sagt "übergroßen" Schmerz zulassen zu können, braucht der Mensch also mitfühlende Wesen, sei es als innerliche Repräsentationen oder als reale menschliche Wegbegleiter. Dann kann er neue positive RIGs aufbauen. Davon sind wir in der integralen leibarbeit schon immer ausgegangen. Erfreulich ist, dass unsere Annahme nun von wissenschaftlicher Seite bestätigt wird: Sowohl die neue Säuglingsforschung als auch die neuere Hirnforschung, repräsentiert durch Joachim Bauer1, haben herausgefunden: Innere Ressourcen, positive RIGs, können jederzeit aufgebaut werden. In diesem Zusammenhang betonen beide Forschungszweige heute die Wichtigkeit von Leiberfahrungen, von guten, angemessenen Körperkontakten, von ganzheitlich sinnlicher Erfahrung und Wahrnehmung. (.............).

(Ende der Leseprobe)

 

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