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Somatic-Experiencing nach Dr. Peter Levine

Ein grundlegender Ansatz zur Transformation von Trauma

Autorin: HP Cornelia Beyer
Heilpraktikerin und Web-Künstlerin

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 32
zum Thema "Trauma und Heilungswege"

SOMATIC-EXPERIENCING IST EINE DIREKT AM KÖRPER ANSETZENDE METHODE ZUR BEHANDLUNG VON ANGST UND POSTTRAUMATISCHEN REAKTIONEN

Mein eigener Zugang zu Somatic-Experiencing (im Folgenden mit SE abgekürzt) ergab sich aus persönlicher Betroffenheit: Im Frühjahr 99 erlebte ich auf einem Retreat einen schweren körperlichen und psychischen Zusammenbruch, der mich zu einer in SE-ausgebildeten Therapeutin führte. Diese Arbeit und ihre Wirkung am eigenen Leib zu erleben, beeindruckte und begeisterte mich so tief, dass ich mich im Herbst 99 zur dreijährigen Fortbildung bei Peter Levine entschloss. Es eröffnete sich mir ein behutsamer Weg, der in die Verarbeitung von Entwicklungs- und Schocktraumen (z.B. Unfällen, Operationen, invasiven zahn-/medizinischen Eingriffen, Diagnosen schwerer Krankheiten, Naturkatastrophen, Gewalt- und Verlusterfahrungen, scheinbar kleinen Stürzen...) neue Perspektiven bringt.

Grundlegende Theorie
Durch seine Forschungen mit in freier Wildbahn lebenden Tieren kam Peter Levine zu dem Ergebnis, dass ein Trauma im Nervensystem gespeichert ist: "durch einschneidende Ereignisse hat dieses seine volle Flexibilität verloren. Wir müssen ihm deshalb helfen, wieder zu seiner ganzen Spannbreite und Kraft zurückzufinden." (Peter Levine). Menschliche Reaktionen auf Bedrohung sind primär instinktiv und biologisch und erst sekundär emotional und kognitiv. Sie beinhalten 3 angeborene, im Stammhirn verankerte Überlebensstrategien: Flucht, Kampf und Totstell-Reflex (Immobilität, Erstarrung), die allen Säugetieren gemeinsam sind.
Was geschieht, wenn wir uns bedroht fühlen? Als erstes wird der Orientierungsreflex auf den Plan gerufen: wir versuchen die Gefahr zu lokalisieren, zu identifizieren und einzuschätzen. Unsere Augen tasten die Umgebung ab, wir "stellen die Ohren auf", um z.B. die Richtung eines Geräusches zu orten, wir bewegen den Kopf, um unsere Lage besser überblicken zu können. Durch die dabei erhaltenen Informationen erfolgt eine instinktive Auswertung, ob wir in Sicherheit sind oder Gefahr droht. Bei Gefahr erfolgt eine Mobilisierung von hohen Energien im autonomen Nervensystem, die den Organismus für die Flucht- oder Kampfreaktion vorbereiten. Wenn wir damit erfolgreich sind, findet der Organismus auf natürliche Weise wieder sein Gleichgewicht.
Ist ein Ereignis jedoch so überwältigend, dass wir nicht kämpfen oder fliehen können - hält uns der Angreifer z.B. fest oder gibt es gegensätzliche innere Impulse in uns - werden diese Reflexe zwar initiiert, kommen aber nicht zur Durchführung. Als letzte Strategie bleibt uns nur der Totstell-Reflex, der zur Immobilität führt. Der Totstellreflex löst häufig im Klienten/in der Klientin ein Gefühl von Ungenügen oder Scham aus. Das Wissen, dass es sich hierbei um eine instinktive, biologische Reaktion handelt, bringt große Erleichterung.
Das Erstarren führt dazu, dass die enorme mobilisierte Energie von einer Sekunde auf die andere "eingefroren" wird und als innerer Stress im Körper gespeichert bleibt, ohne dass sie umgesetzt oder entladen wird. Die Gefahrenquelle zu erneuter Überflutung liegt also innen im Menschen und kann durch äußeres Geschehen wieder angeregt werden, z.B. kann Flugzeuglärm einen Kriegsveteranen erneut in furchtbare Panik versetzen.
Was sich jetzt im Nervensystem eines Menschen abspielt, ähnelt dem, was mit einem Auto passieren würde, wenn man gleichzeitig das Gaspedal bis zum Anschlag durchtritt und die Bremse betätigt: durch die Diskrepanz zwischen dem auf Hochtouren laufenden Nervensystem (Motor) und der äußeren Regungslosigkeit (Bremse) entsteht im Inneren des Körpers eine gewaltige Unruhe, die mit der Energie eines Wirbelsturms vergleichbar ist. Ein bedrohter Mensch muss nach Abklingen der Gefahr die gesamte mobilisierte Energie wieder auflösen, um den Zustand der Bedrohung zu überwinden, sonst entsteht ein dauerhaftes Trauma. Die verbleibende Energie entlädt sich nicht einfach von selbst, sondern verbleibt im Körper und bildet die energetische Grundlage für verschiedenste Symptome wie z.B. Angst, Depression, Verhaltensprobleme und psychosomatische Störungen. Der Organismus schafft diese Symptome, um die verbliebene, akkumulierte Energie in feste Bahnen zu lenken und einzugrenzen.
Posttraumatischer Stress ist somit eine ursprünglich angemessene Antwort auf eine ernsthaft bedrohliche Situation. Diese Antwort ist allerdings unvollständig geblieben und im Lauf der Zeit zu einer fixierten Form erstarrt. Aus diesem Grund interpretiert SE die posttraumatischen Symptome nicht als zu bewältigende Pathologie, sondern nutzt sie als wichtige Ressource in der Auflösung des Traumas.
Heilung von Trauma geschieht durch die schrittweise Entladung der immensen Überlebensenergie, die noch in der Immobilitätsreaktion gebunden ist. Im SE verhandeln wir das Trauma neu - dazu ist es nicht nötig, das traumatische Geschehen nochmals kathartisch zu durchleben. Es ist sogar möglich, ohne Inhalt oder Erinnerung zu arbeiten. Dies kann sinnvoll sein vor allem, wenn das Ereignis emotional noch zu belastend ist. Wesentliche Elemente im Heilungsprozess sind: Erdung, Zentrierung, Ressourcenbildung und das Nachspüren (Tracking) der Körperempfindungen, Gefühle, Verhaltensweisen, Gedanken, Bilder und Bewegungen.
(...)

(Ende der Leseprobe)

 

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