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Dicke Frauen im Spiegel deutscher Mangelkultur

Autorin: Annette Wagner
Teamfrau im Frauenbildungshaus Osteresch, Germanistin

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 29
zum Thema "KÖRPER-BILDER feministisch BEWEGEN"

 

Wer oder was ist dick?
ich.
Bin ich dick?
Bin ich kompetent, diesen Vortrag zu halten?
"du bist doch gar nicht dick!"
Genügt meine Selbsteinschätzung, ich bin dick, nicht, um mich zu den Dicken zählen zu können?
70 % aller Frauen fühlen sich zu dick, viele Frauen in Größe 38 fühlen sich zu dick.
Wer definiert, wer dick ist?

Alle Frauen, die sich dick fühlen, sind - politisch betrachtet - dick. Denn all diese Frauen sind von der gesellschaftlichen Schlankheitspropaganda berührt und im Selbstwert verletzt und irritiert.

In diesem Fall definieren Frauen sich selbst, indem sie sich auf eine gesellschaftliche Norm beziehen. "Hierzulande und auch im Rest der westlichen Welt werden mittlerweile selbst leichtes Übergewicht und sogar Normalgewicht oft sozial nicht mehr toleriert. "Dicke" werden in zunehmendem Maße diskriminiert, und schon Normal- und Idealgewichtige fühlen sich zu "dick", (...)."

Aus dem BRD-Ernährungsbericht 1992:
70 % der befragten Frauen geben an, nicht ihr Traumgewicht zu haben
45 % der untergewichtigen Frauen bezeichnen sich als übergewichtig
95 % der Frauen überschätzt ihre Körpermaße.  

Was ist als normal festgelegt?
In der Öffentlichkeit gilt heute oft noch das Broca-Normal- oder Idealgewicht: Körpergröße minus hundert ist normal, minus 10-15% ist ideal. Neuere Betrachtungen errechnen das Normal- oder Übergewicht anhand des BMI (= body mass index). Der BMI errechnet sich Gewicht (kg) geteilt durch Größe² (m²).

Im Unterschied zu Broca beachtet der BMI geschlechtliche Unterschiede; relevante Altersunterschiede für das Gewicht bzw. den Fetthaushalt bei Frauen bleiben jedoch unberücksichtigt, von persönlicher Konstitution ganz zu schweigen.

Ganz neue Veröffentlichungen empfehlen das Wohlfühlgewicht, also das Gewicht, bei dem frau sich am wohlsten fühlt: beweglich und gesund. Normal ist das allerdings nicht, denn "Die Weltgesundheitsorganisation definiert "Gesundheit" als körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. So betrachtet sind Frauen und Gesundheit inkompatibel."  

Politik
Dick sein heißt in unserer Kultur
nicht normal sein
abweichend
unerwünscht sein
aufgrund des Körpers
mit eigener Schuld.  

Dick sein heißt schlecht sein, heißt hässlich sein, heißt abgelehnt zu werden.
Die Frage, ob eine dick ist, ist vorrangig eine politische Frage, keine medizinische oder psychologische. Es ist eine Frage der Ausgrenzung von unerwünschten menschlichen Realitäten und realen Menschen. Mit der Ausgrenzung von Dicken wird die Vielfalt von Körpern reduziert. Die Abwertung des Äußeren, vor allem auch durch die Medizin, nimmt ihren Weg ins Innere, dort arbeiten sie als Selbstzweifel weiter.  

1971, bevor die systematische medizinische Kampagne gegen die Dicken gestartet wurde, galten dicke Menschen als gute Freunde, als gesellig, freundlich ausgeglichen. Mit einem "idealgewichtigen" Menschen wollten 1971 nur 15% der Befragten befreundet sein. Nach der Kampagne, nur acht Jahre später, wollten schon 60%, das vierfache, mit einem idealgewichtigen Menschen befreundet sein.
1989 wollten dann nur noch traurige 2% mit einem Dicken befreundet sein.
"Ein Versuch mit Kindern und vorgelegten Fotos zeigt, dass ein dickes Kind das letzte ist, womit andere Kinder befreundet sein wollten."

Bei einer Untersuchung der Attraktivität von Frauen zeigt:
"Die "adipöse Frauenfigur" (Kleidergröße 50) wurde von 78% der befragten Männer und Frauen als am unattraktivsten eingestuft. (...)
68% glauben, dass die Körperfülle einen Rückschluss auf die nicht vorhandene Willensstärke einer Person zulässt. (...)

(Ende der Leseprobe)

 

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