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Heilsame Ressourcen finden

in der Tanz- und Bewegungstherapieie

Autorin:
Anne van den Bloem, Dipl. Sozialarbeiterin, Klinische Tanztherapeutin in der Wicker-Klinik Bad Wildungen

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 45
mit dem Thema: „In Bewegung“

 

Die Tanztherapie ist eine relativ junge Disziplin im Katalog der kreativ-psychotherapeutischen Angebote.
Sie ist ebenso vielseitig, wie es Therapeutinnen gibt, und hat als Verbindung das in die Bewegung geführte innere Empfinden.

Seit nunmehr 20 Jahren arbeite ich mit Menschen, die in ihrem Leben traumatische Erfahrungen gemacht haben.
Neuere Forschungsergebnisse aus der Embodiment Forschung1 belegen, dass Körperhaltungen und Bewegungen nicht mehr nur Ausdruck von Stimmungen sind. Sie können Gefühle auch beeinflussen. Wer hochspringt, hebt seine Laune und macht dabei noch die interessante Erfahrung, sich leichter an schöne Erlebnisse erinnern zu können. Menschen, die unter Traumasymptomen leiden, fällt es zunächst schwer, diese Ressourcen zu entdecken. Sie sind so stark auf das konzentriert, was nicht in Ordnung ist, dass sie ihren Focus nicht auf etwas Positives richten können.
An eigene Ressourcen anknüpfen zu können, stellt Selbstvertrauen her, stärkt das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit und gibt dem Nervensystem Gleichgewicht und Widerstandsfähigkeit zurück. Kurz: Es knüpft Verbindungen zu positiven Erinnerungen, Haltungen, Orten und Fähigkeiten des Körpers, die zur Beruhigung und Stressentspannung beitragen.

Die kürzeste und wohl prägnanteste Umschreibung einer Traumafolgestörung könnte als „Unterbrochene Verbindung“ (P. Levine) bezeichnet werden.
Folgende Trauma-Symptome spiegeln dieses Gefühl der „unterbrochenen Verbindung“ wieder:

  • das Gefühl vom allgemeinen Geschehen, von Menschen und von sich selbst abgetrennt zu sein
  • ein überaktives Nervensystem mit übermäßiger Energie und permanenter Erschöpfung
  • körperliche Schmerzen, ständige Wachsamkeit und Triggerwirkung

Traumata entstehen durch jedes Ereignis, das die natürliche und individuelle Fähigkeit eines Menschen, mit Problemen fertig zu werden, übersteigt. In diesem Zustand der Überforderung schaltet das gesamte System des Menschen autonom herunter, was dazu führt, dass er die Verbindung zu sich selbst und anderen unterbricht. Wir reagieren alle sehr unterschiedlich auf potentiell schwierige Situationen. Was für manche Menschen eine große Bedrohung darstellt und eine Vielzahl traumatischer Stressreaktionen hervorruft, schütteln andere als schwierige Lebenserfahrung ab und wenden sich anschließend wieder den schönen Seiten des Lebens zu. Wie Menschen reagieren, hängt von ihrer Fähigkeit, mit Ereignissen umgehen zu können, ab. Diese Fähigkeit der Resilienz wiederum ist an unterschiedliche Faktoren gebunden.
Resilienz hängt von genetischen Faktoren, der persönlichen Vorgeschichte und dem unterstützenden Netz ab, das dem Menschen im Augenblick der potentiell bedrohlichen Situation zur Verfügung steht. Aber auch davon, ob jemand in seinem Leben schon andere Traumata erlebt hat.
Auf dem schwierigen Weg wieder Kontakt zu sich selbst und anderen Menschen zu bekommen, kann die Tanz- und Bewegungstherapie helfen, sich dem eigenen Körper neu anzunähern, Bewegungs- und Erregungsmuster ausdrücken zu lernen oder zu üben, sich selbst neu und liebevoll zu begegnen.
Dabei werden die im impliziten Gedächtnis gespeicherten Erlebnisse und Erfahrungen externalisiert und auf dem Weg der Bewusstwerdung mit neuen Informationen gefüllt und dann im expliziten Gedächtnis abgelegt.
Auf diesem Weg wird der eigene Körper neu gefühlt und gefüllt. Erfahrungen mit der Mit- und Umwelt bekommen neue Impulse und die Einschätzung und Bewertung eigener Ressourcen erleben eine Umgestaltung.

Dieser Weg ist kein leichter Weg.
Die traumatischen Erfahrungen machen es schwer, Zugang zu eigenen Ressourcen zu bekommen. Der Körper wehrt sich, Neues zuzulassen und alte, vertraute, meist längst ausgediente, nicht mehr hilfreiche Verhaltensmuster loszulassen.
Oftmals verstärken sich Gefühle. Schmerzen und Gedanken werden zu unüberwindbaren inneren Barrieren und Blockaden. Es braucht achtsame Führung, stetige Ermutigung und Ermunterung, um diesen Prozess der Selbst-Wert-Schöpfung immer wieder neu zu initiieren.

Wie Boden und Körper zusammen wirken
Der Boden und der den Körper umspielende Raum helfen, das Ich und die eigene Präsenz zu vermitteln. In der Resonanz mit dem Boden und dem Umraum erlebe ich mich im Gegenüber und somit real in der eigenen Präsenz.
Im Spiegel der Gruppe entdecke ich möglicherweise verschiedene Arten von Lebendigkeit. In der Bewegung darf ich traurig sein, mich ärgerlich fühlen, glücklich sein und eigene Grenzen zeigen.
Meine Gefühle dürfen da sein und damit bin ich „Da“: Wirklich und real im Hier und Jetzt, im Dasein mit „Mir“ und mit Anderen. Über meine und andere Spiegelneuronen treten wir in Verbindung und damit entsteht ein neuer Raum. Ich erfahre mich in der Gemeinschaft, bin eingebunden und verbunden mit anderen Menschen und darf neue Bindungserfahrungen erleben.
(...)

(Ende der Leseprobe)

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