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Brustkrebsversorgung

Perspektiven der Frauengesundheitsbewegung

Autorin:
Gudrun Kemper
Bibliothekarin, Autorin, Frauengesundheitsaktivistin

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 47
aus der Dokumentation vom Lachesis- Frauengesundheitskongress

„Das Private ist politisch“ – das war auch im Zusammenhang mit Brustkrebs immer ein zentrales Statement der Frauengesundheitsbewegung. Im Workshop zu feministischen Perspektiven und Brustgesundheit beim Frauengesundheitskongress 2017 ging es um Erfolge und Misserfolge sowie Einflusspotentiale von Frauengesundheitsengagement auf vorhandene Versorgungsstrukturen und deren Veränderungsbedarf. Was hat sich bewegt und wie kann es weitergehen? Der Weg für mehr Frauenorientierung in der Brustkrebsmedizin bleibt schwierig und braucht weiterhin einen langen Atem. Wenn sich für gesunde wie erkrankte Frauen etwas verbessern soll, geht es nicht ohne frauengesundheitspolitisches Engagement.

Ein wichtiger Ausgangspunkt in Sachen Brustkrebsversorgung und Frauenorientierung war 1999 die AKF-Jahrestagung „Brust 2000: Gesundheitspolitische Ein- und Aussichten“, die eine breite feministische Annäherung an das Thema Brustkrebs aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln ermöglichte. Viele der damals angesprochenen Fragen sind bis heute aktuell geblieben. Ein weiterer wichtiger Ausgangspunkt für mehr Frauenorientierung in der Brustkrebsmedizin war der Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland von 1999 (1). Er enthält eine Bestandsaufnahme zu Einflussfaktoren und Krankheitsursachen, Früherkennung und Datenlage sowie Schlussfolgerungen zur Fraueninformation.

Der männliche Blick auf den weiblichen Körper
Medizinische Versorgung wird geformt durch gesellschaftliche Verhältnisse und die Kultur, die uns umgibt (z.B. Wissenschaftskultur oder Medien). Frauen in der Medizin arbeiten einerseits in einem maskulin abgesteckten Rahmen2, in dem sie erfolgreich sein müssen/wollen „wie die Männer“. Dabei ist der männliche Blick (2) auf den Körper der Frau nicht wegzudenken. Die Brustkrebspatientin erhält medizinische Versorgung im Rahmen eines nach wie vor patriarchal gestrickten Gesundheitssystems, in dem Trauma und Misogynie (Soziokulturelle Einstellungsmuster geringerer Relevanz von Frauen) zumindest eine lange Tradition haben. Medizinhistorisch betrachtet zeigt dies beispielhaft die Praxis der radikalen chirurgischen Entfernung der weiblichen Brust („Halsted-Mastektomie), die ohne validen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit gegenüber schonenderen Operationsverfahren fast ein Jahrhundert lang angewendet wurde. Es ist dem energischen Widerstand einer Brustkrebspatientin zu verdanken, dass sich mehr Wertschätzung im Umgang mit der weiblichen Brust auf dem OP-Tisch durchsetze konnte.(3)

Strukturelle Defizite in der Brustkrebsmedizin gibt es weiterhin. Sie reichen von der unzureichenden Auseinandersetzung mit den Ursachen von Brustkrebs über fehlende frauengerechte Beratungsangebote im Versorgungsablauf und zu wenigen vorhandenen unabhängigen Beratungsstellen (Frauengesundheitszentren) bis zum Fehlen von schlichten evidenzbasierten Entscheidungshilfen, die Frauen das erforderliche Wissen an die Hand geben, damit sie ihr Recht auf eine informierte Entscheidung im Rahmen der anstehenden komplexen Therapieentscheidungen bei Brustkrebs überhaupt wahrnehmen können...

(...)

Anmerkungen:
(1) 2001 erschien der „Frauengesundheitsbericht“ als Buch - Der Bericht wurde im Rahmen eines Verbundprojekts verschiedener relevanter universitärer Einrichtungen fast ausschließlich durch Fachexpertinnen zur Frauengesundheit erstellt.
(2) Im angloamerikanischen Sprachraum als „masculine frame“ bzw. „male gaze“ beschrieben.
(3) Rose Kushner: A Personal History and an Investigative Report. Harcourt Brace Jovanovich, New York 1975

(Ende der Leseprobe)

 

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