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Wo Weiblichkeit zur Marke geworden ist, tut Widerstand not!

Gekürzter Vortrag zum Jubiläum 30 Jahre Lachesis e.V.

Autorin:
Maria Zemp, Praxis für Therapie und Supervision

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 47
aus der Dokumentation vom Lachesis- Frauengesundheitskongress

Widmung:
Ich widme den Vortrag unserer verstorbenen Kollegin Gertrude Ernst-Wernecke.
Liebe Gertrude, ich bin mir gewiss, dass du in diesen Tagen mit uns bist!

Der Körper ist unser erster Ort. Er ist der Platz, von dem aus wir wahrnehmen und uns auf die Welt um uns herum beziehen können. Und er, der Korpus – das materielle Ganze – ist es auch, was von anderen wahrgenommen wird und wozu diese in Beziehung treten, wenn sie uns begegnen. Geschlecht, Hautfarbe, Alter, sexuelle Orientierung, körperliche Einschränkungen und die Fähigkeiten sind deshalb unentwirrbare Anteile unseres Körper-Seins. (1)
Liebe Kolleginnen, liebe Anwesende, vor ziemlich genau 20 Jahren schrieb ich einen Vortrag mit dem Titel: „Als Frauen haben wir kein Land - mit unserem Körper bewohnen wir die Welt“.
In den vielen Workshops zum Thema feministische Spiritualität und Ritualarbeit, aber vor allem auch in den intensiven mehrjährigen Ausbildungsgängen für Heilpraktikerinnen* beschäftigte mich immer wieder dieselbe Frage: Wie können Frauen angesichts der historisch und aktuell erlebten Gewalterfahrungen gesunden?
Noch kannte ich keine strukturierte feministische Analyse zu den traumatischen Folgen von geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen. Erst sechs Jahre später erschien das wegweisende Buch dazu auf Deutsch: „Die Narben der Gewalt“, geschrieben von der U.S. amerikanischen feministischen Psychiaterin Judith Herman.
Sie bestätigte durch ihre Forschung meine These, die ich Jahre davor in meinem Vortrag aufgestellt hatte: „Ist eine Gesellschaft einmal dazu übergegangen, sich nicht nur im privaten Raum, sondern auch öffentlich am Frauenkörper zu vergreifen (z.B. Hexenverfolgung, sexualisierte Kriegsgewalt als Kriegsstrategie …), legitimiert sie dadurch die häusliche Gewalt.“
Ich folgerte: „Das Ausmaß der Gewalt hat den weiblichen Körper gezeichnet. Es sind diese Körpererinnerungen, die uns diesen Körper fliehen lassen, denn die (transgenerationalen) Erinnerungen an die verursachten Schmerzen, an Terror und Gewalt übersteigen jedes Maß an Erträglichkeit“.

Körperbilder für Frauen
Dass wir „als Frauen nur die Erlaubnis haben, in einem bestimmten Körper präsent zu sein: nämlich jung, fit schön, weiß und weiblich hatte die Frauenbewegung, insbesondere die Antidiätbewegung, längst festgestellt. Daraus leitete ich meine nächste Folgerung ab: Erkennen sich Frauen in diesen vorgegebenen Körperbildern nicht wieder – was meistens der Fall ist – fühlen sie sich nicht dieser Norm fremd, nein sie fühlen sich im eigenen Körper fremd.
Die Erlaubnis der Anwesenheit im Körper zum Hauptindikator für den Gesundungsprozess für Frauen auszumachen, war das Ergebnis dieser Überlegungen. Anwesenheit im eigenen Körper ist eine Voraussetzung, um auf der Basis von empfundenem Glück oder Leid handlungsfähig zu werden, sich einzubringen in die Welt, Verantwortung zu übernehmen und lebensverachtende Machtverhältnissen nicht hinzunehmen, sich gesellschaftlich verordneten Zwängen zu widersetzen.

(…)

Anmerkungen und Fußnoten
(1) Autorinnenkollektiv: ABC des guten Lebens. Postpatriarchale Arbeit am Symbolischen, Christel Göttert Verlag, 2012

 

(Ende der Leseprobe)

 

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