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Frauenrechte und der Friedensprozess in Afghanistan

Traumasensible Arbeit von medica mondiale und medica afghanistan

Autorin:
Anja Kraus, Heilpraktikerin, Praxis für klassische Homöopathie

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 42
mit dem Thema: "Ressourcenorientierte Traumatherapie"

 

Der Friedensprozess und die Situation der Frauen in Afghanistan sind nicht voneinander zu trennen. In der Verfassung Afghanistans wurde 2004 die Gleichberechtigung von Frauen und Männern aufgenommen. Der Alltag der Frauen ist aber weiterhin von Gewalt und Rechtlosigkeit in Familie und Gesellschaft geprägt. Der Druck auf Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen, wächst. Eine gemeinsame Tagung von medica mondiale und der ev. Akademie im Rheinland nahm die Situation von Frauen und Mädchen vor dem geplanten Abzug der internationalen Truppen 2014 in den Blick. (...)

Die politische Lage in Afghanistan
Thomas Rutting, Afghanistan Analysts Networc

Der Schutz der Frauen vor sexueller Gewalt und Menschenrechtsfragen seien Voraussetzung für die Schaffung eines nachhaltigen Friedens und auch Voraussetzung für internationale Sicherheit und den Weltfrieden.
Im Rückblick seien die Frauenrechte zwar ein Vorwand, jedoch nie ein ernsthafter Interventionsgrund gewesen. Der gesamte Einsatz lief unter dem Primat der militärischen Strategie, was internationale Hilfsorganisationen als völlig falsche Strategie für ein kriegsgeprägtes Land einschätzen. Es ging um Sieg und Niederlage als männlich geprägte Werte.
So sind Frauen vom afghanischen Friedensprozess ausgeschlossen, der Friedensrat hat nur männliche Mitglieder, Frauen können nicht mitarbeiten, weil sie dann von Taliban bedroht werden. Herr Rutting berichtete, in einer anderen Konferenz seien 30% Frauen beteiligt, hätten aber keinen Zugang zum Mikrofon bekommen.
Es gäbe eine Übermacht des Präsidentenapparats ohne Gewaltenteilung. Die Justiz sei nicht unabhängig. In der Praxis der Rechtssprechung zähle Scharia Recht, andere Gesetze gäbe es auch, aber die traut sich niemand anzuwenden. Im Bericht der Bundesregierung stehe nicht, dass Ämter wie Polizeichefposten nach wie vor verkauft werden, dafür aber: „wichtige Kontrollfunktion hat die Presse“. Dies sei viel zu optimistisch, denn unabhängige Medien bekämen kein Geld mehr. Warlords würden den Rest der Presse finanzieren und dies sei alles andere als unabhängig.,...,
Die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft habe versagt und auf Politiker gesetzt, die an Macht glauben und korrupt sind. Die wichtige UNO Resolution 1325 wurde nicht beachtet, die besagt, nur wenn Frauen partizipieren, kann eine Gesellschaft befriedet werden.
In Afghanistan sind die, die Macht haben auch die, die bewaffnet sind. Das macht es ziemlich schwer, zu widersprechen.

Über die Lage der Frauen in Afghanistan
Zarghona Ahmandzai, Psychologin von Medica Afghanistan

In erster Linie sieht sie die Zwangsheirat als Problem und als eine Urquelle der Macht. Frauen sind Gewalt und Schikane ausgesetzt und leben in Panik, Furcht und Angst.
Durch mangelnde Kenntnis der Gesetze können sie ihre Rechte nicht wahrnehmen und wenn sie es wollen, stoßen sie auf fehlende Gerichtsbarkeiten. (...)
Medica Afghanistan ist eine NGO für afghanische Frauen und Mädchen, die durch Krieg und Gewalttaten geschädigt wurden.
Sie machen Programme für Ausbildung und Erziehung, psychosoziale Beratung in 13 Bezirken und arbeiten in Frauenschutzhäusern, Gefängnissen, Krankenhäusern und haben in Kabul einen Frauengarten aufgebaut.
Es wurde ein Ministerium eingerichtet für die Verhinderung von Gewalt gegen Mädchen und Frauen.
Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, Frauen und Kinder zu informieren, wie sie sich schützen können und welche Hilfe sie in Anspruch nehmen können. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen, wie sie Klagen erheben können und wie sie ihre Rechte erhalten können.
Medica Afghanistan hat 420 Klienten in Kabul, macht Programme gegen Analphabetismus, gab 4095 Frauen Rechtberatung, hat 440 Frauen psychologisch beraten, 35 Richter und mehr als 500 Polizisten ausgebildet. (...)

Über Frauenrechte nach dem Sturz der Taliban
Sajia Begham Amin, Juristin, Politologin und Genderexpertin aus Afghanistan

Sajia Begham eröffnete eine versteckte Schule für Mädchen in Kabul und lebt derzeit mit ihren beiden Töchtern in Erfurt.
Afghanische Frauen zählen zu den am meisten ungerecht behandelten und unterdrückten Frauen der Welt. Trotzdem haben sie viel Verantwortung übernommen.
2002 bis 2006, nach dem Sturz der Taliban konnten die Frauen das Haus verlassen, arbeiten, sowie Schulen besuchen, der Focus der internationalen Gemeinschaft lag auf den Rechten der Frauen. Es entstand ein Verbot der Gewaltanwendung, Genderpolitik in der Regierungspolitik, ein Frauenministerium, Beteiligung am Parlament. Gleichzeitig konnten Mädchen wieder Schulen und Hochschulen besuchen, haben aus dem Ausland Stipendien erhalten und sich um ihre Rechte bemüht. (...)
Heute ist eine Schwächung der Frauenrechte festzustellen, obwohl sie im obersten Friedensrat sitzen, werden sie dort nicht wahrgenommen. Sajia Begham hat Angst vor der Rückkehr der Taliban im Truppenabzugsjahr 2014 und befürchtet, dass dann alle Rechte der Frauen zurückgenommen werden. (...)

„Der innere Frieden einer Gesellschaft wird durch Teilhabe von Frauen stabilisiert“
Dr. Ute Scheub, Journalistin und Frauenrechtsaktivistin, Mitbegründerin der Taz (...)

Die weltweit meist verbreitete Form der Gewalt ist häusliche Gewalt. Dadurch entsteht höchster Arbeitsausfall weltweit. Es besteht das gleiche Risiko für Frauen in reichen Ländern, misshandelt oder geschlagen zu werden, dort haben sie wegen der ökonomischen Freiheit aber eher die Chance auszubrechen.
Frauen, deren Vater die Mutter schlug, werden oft Selbstverletzerinnen, neigen zu Opferhaltung, suchen oft Gewalt in ihrer Beziehung, werden früh schwanger. Männer, die diese Gewalt erlebt haben, neigen eher dazu Täter zu werden. Sie neigen dazu, Gewalt anzuwenden, projizieren ihren Hass nach außen und versuchen zu unterwerfen, Alkohol– und drogensüchtig leben sie die Gewalterinnerung aus.
Wer arm und unterprivilegiert ist, kann destruktives Potential nur in der Familie ausleben, Reiche hingegen auch in Politik und Militär, der Mann glaubt zu Privilegien der Männer berechtigt zu sein. Stabilisiert wird dies durch Religion. Soziale Gewaltakte von Männern werden oft heroisiert und dadurch gesellschaftsfähig gemacht. Das Paradox der Männermacht: die gleiche Macht, die zu Gewalt führt, führt zu Körperpanzer und zu Distanz zu anderen, aus Furcht nicht männlich genug zu sein entstehen Angst, Isolation und Ärger. Gewalt ist der Kompensationsmechanismus.
In streng patriarchalen Gesellschaften sei der Status der Männer höher und sie können später selbst über die Mutter bestimmen. Patriarchale Gesellschaften neigen eher dazu Gewalt im Inneren anzuwenden. In geschlechteregalitären Gesellschaften existiert weniger Hunger. Die Geschlechtergleichheit ist der Schlüsselfaktor für den Hungerindex weltweit. Am schlimmsten ist die Situation im Kongo. Bäuerinnen, die Lebensmittel produzieren, dürfen nicht einmal Land erben. Die neoliberale Form der Globalisierung hat die Frauen ärmer gemacht. Unbezahlte häusliche Arbeit wird den Frauen aufgebürdet und bringt sie aus dem öffentlichen Raum heraus.
Staaten verfolgen eher eine friedliche Außenpolitik, wenn viele Frauen im Parlament sind, wenn die Geburtenrate niedrig ist und Frauen bezahlt arbeiten und Frauen Wahlrecht haben.
Das Ausmaß an Gewalt gegen Frauen gefährdet den Weltfrieden. (...)

Psychosoziale Arbeit in Kriegs- und Konfliktgebieten
Die Traumatherapeutin Maria Zemp berichtet in einer Arbeitsgruppe über traumasensible Arbeit. In instabilen Situationen ist die erste Aufgabe, Sicherheit zu schaffen, ärztliche Versorgung zu gewährleisten, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf und die Gewissheit zu schaffen, nicht wieder fliehen zu müssen. ,...,
Der ressourcenorientierte psychosoziale Ansatz geht nicht aus von klinischer Diagnostik, sondern geht aus von dem Problem, mit dem die Patientin in die Beratung kommt. Traumatische Erfahrungen werden nicht angegangen. Es wird geschaut, was die Frauen an Unterstützung brauchen, damit sie im Alltag zurechtkommen. Traumasensibel bedeutet in dieser Hinsicht, dass sie „flashbackstop“ lernen und in der Stabilisierungsphase unterstützt werden. „Safety first“.
Wichtig ist nicht nur, was gesprochen, wird, sondern das Gesamtsetting, viel körperliche Linderung und viele Körperübungen. (...)

(Ende der Leseprobe)

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