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Stimme als Heilungsweg

Stimmapparat & Schoßraum - eine alte heilige Verbindung

Autorin:
Iris Hammermeister, Sängerin, Familien-& Traumatherapeutin

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 48
mit dem Thema „Transgenerationale Traumaweitergabe“

Mein Weg mit der Stimme begann schon früh: Ich kann mich erinnern, dass ich die Musik schon immer liebte. Wenn ich sie hörte, war ich in einer anderen Welt. Sie half mir zu überleben. Sehnsüchtig lauschte ich den benachbarten Kindern beim Üben ihres Instruments. Meine Sehnsucht wurde nicht gesehen oder erkannt. Musik oder Kultur spielte in meiner Familie keine Rolle. Meine Eltern waren so sehr mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt, dass sie die Bedürfnisse von drei kleinen Mädchen nicht wahrnahmen. Ich träumte jedoch schon früh vom Singen und sah mich auf der Bühne.
Ich war ein lebendiges Kind, frech, laut und lachte sehr viel. Meinen Vater provozierte ich gerne, der jedoch keinen Spaß verstand. Als Flüchtling während des zweiten Weltkrieges kämpfte mein Vater um sein nacktes Überleben. Was er da sah, ließ ihn bis zu seinem Tod nicht mehr los. Diese Bilder beschrieb er immer und immer wieder. Er hatte als Kind viel hungern müssen und die Beziehung zu seinem eigenen Vater war äußerst angespannt.
Dieses lachende quietschlebendige Mädchen haben meine Eltern nicht ertragen. Traumatisierte Eltern halten keine Kinder aus, die vor Lebendigkeit strotzen, weil sie damit an ihre eigene verlorene Lebendigkeit erinnert werden. So gab es eine Situation mit meinem Vater, die dazu führte, dass ich aufhörte zu lachen und zu sprechen und den Ernst des Lebens erkannte. Das war der Grundstein meiner Schilddrüsendysfunktion, aber auch dem Glauben, dass ich nicht Lachen und Freude empfinden darf.
Die Folgen der transgenerationalen Traumaweitergabe sind Entwicklungs-, Bindungs- und Symbiosetraumen.

Größte und stärkste Wunden sind im kreativen Ausdruck
Es ist also kein Zufall, dass ich heute mit der Stimme arbeite, die ich selbst als Kind mit ca. 4 oder 5 Jahren verlor. Mein eigener Ausdruck wurde zutiefst verletzt. Ich begann zu schweigen und mein ganzes Wesen zu unterdrücken. Das war der Beginn meines Überlebensprogramms.
Nicht gesehen werden und keinen eigenen Raum für die eigene Entwicklung bekommen zu haben führen zu einem verletzten kreativen Ausdruck. Das genau passiert bei einem Bindungs- oder Symbiosetrauma. Die Bedürfnisse des Kindes werden schon früh nicht adäquat befriedigt, weil die Mutter aufgrund ihrer eigenen Traumatisierung keinen emotionalen Kontakt zum Kind aufbauen kann. Das Kind versucht immer wieder den Kontakt zur Mutter zu finden und bekommt keine Resonanz. Man könnte auch sagen, dass das Leben mit dem Lied zwischen Mutter und Kind beginnt. Das Kind singt das Lied immer wieder und erfährt keine Resonanz. Es geht mit seinem Kontakt immer nach Außen und läuft ins Leere. Das bedeutet auch, dass es den Kontakt nach Innen bzw. zu sich selbst schon sehr früh verliert, weil der Kontakt zur Mutter überlebenswichtig ist. Um diesen zu bekommen, verlässt das Kind sich selbst und verliert sich im Außen. Ohne einen Spiegel haben wir keine Möglichkeit zu wachsen und zu reifen. Oftmals übernehmen diese Kinder die Rolle ihrer Eltern und versorgen emotional Mutter und /oder Vater. Damit verzichten sie komplett auf ihre eigenen Bedürfnisse, sind unglaublich überfordert und einsam.

(...)

(Ende der Leseprobe)

 

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