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Entwicklungstrauma-Therapie

Interview mit Dami Charf, Göttingen, August 2018

Interviewpartnerin:
Heike Brunner, Heilpraktikerin, Redaktion LACHESIS

Leseprobe aus der Lachesis-Zeitschrift Nr. 48
mit dem Thema „Transgenerationale Traumaweitergabe“

Dami Charf starte ihren Weg zur Entwicklungs-Traumatherapeutin zunächst in den 80er Jahren als Wendo-Trainerin für Frauen. Hier wurde sie das erste Mal mit Trauma konfrontiert – den Begriff gab es damals noch nicht. Durch eine Lebenskrise, mit Ende Zwanzig, traf sie auf ihre Therapeutin. Berührt durch das Glück über die selbst erhaltene Hilfe, startete sie eine körperorientierte Psychotherapieausbildung, um am Ende festzustellen, dass etwas fehlte, der „Missing-Link“. Wenn sie die Klient*innen damals fragte: „Was fühlst Du?“, erlebte sie, dass diese nichts fühlten oder pure Angst spürten. Ihr Fazit: Traumatisierte Menschen können nicht körperorientiert arbeiten, weil sie gar keinen Körper haben! Fast hätte sie ihre Arbeit als Therapeutin aufgegeben, in einer Fortbildung hörte sie dann das erste Mal von SELBSTREGULATION. Selbstregulation wird in den ersten drei Lebensjahren ausgebildet, dies ist auch die Zeit in der Entwicklungstrauma entstehen, die Brücke war hergestellt.

Dami, du bietest Trauma-Gruppen- und Einzel-Therapie an, was sind die Unterschiede?
Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass Menschen in Gruppen völlig anders sind, als in der Einzeltherapie, vor allem traumatisierte Menschen. Viele Traumatisierungen sind eben "alleine" mit einer anderen Person entstanden, daher sagt das Stammhirn immer implizit: Dies ist eine potentiell gefährliche Situation! Man kann das bei Klient*innen erkennen, denn sie "tunneln" total ein. Sie kommen herein, fixieren die Therapeut*in und halten sie immer im Auge. Wenn man sie fragt, was befindet sich hier noch im Raum, können sie das nicht beantworten. Ich habe dann festgestellt, dass meine Klient*innen, die eine Fortbildung bei mir in der Gruppe gemacht haben, dort ein anderes Verhalten zeigen und entspannter sind. Wir sind soziale Gruppentiere, wir leben in Klans oder haben diese Jahrhunderte gelebt, und da werde ich, als Leitung, von anderen mit überwacht. Daher habe ich die Idee entwickelt, therapeutische Gruppen anzubieten, wo Menschen gleichzeitig lernen, wie man miteinander umgehen kann. Das macht mir sehr viel Spaß und es ist schön zu sehen, wenn Menschen das „Handwerkszeug“ erhalten und verstehen, warum wir etwas machen. Damit können sie für ihre eigene Psyche eine Landkarte entwickeln.

Was bedeutet Trauma-Heilung für dich?
Der Begriff Heilung ist ein großes Wort. Das, was ich immer wieder feststelle und höre, ist, dass betroffene Menschen hoffen, man kann Trauma wegmachen. Heilung heißt aber nie, dass etwas verschwindet, sondern dass etwas integriert oder vom Körper so verarbeitet wird, dass es nicht mehr schadet. Man sieht die Narbe immer noch auf dem Röntgenbild von dem gebrochenen Bein, sie wird nie weggehen. Das Bein ist gebrochen gewesen. Es wird immer sichtbar sein.
Heilung bedeutet für mich Integration: Meine Vergangenheit bestimmt mich nicht mehr, sondern ist Teil meines Lebens. Sie hat mich geprägt, das wird sie immer tun. Letztlich könnte ich sagen, wenn ich meine Vergangenheit nicht hätte, würde ich heute nicht so arbeiten können. Deswegen bin ich meinen Eltern immer noch nicht dankbar, aber ich kann sehen, dass meine Geschichte mehr und mehr in meinen Lebenslauf integriert ist. Sie ist Vergangenheit und es gibt Tage, wo sie einen wieder einholt, man eine Runde heult und denkt, irgendetwas bleibt, aber die Zeitlöcher werden kürzer und sind nicht mehr so lebensbestimmend

(...)

(Ende der Leseprobe)

 

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